Blog Helena Krenn

Das irritierende Sandkorn

Das irritierende Sandkorn ist ein starkes Symbol, denn die Perle wächst nur wegen des Sandkorns.

Die Perle ist wie ein Geschenk einer liebevollen Person mit der Symbolik, dass man an der Überwindung von Schranken wächst.

Im Leben eines jeden von uns gibt es Sandkörner, von denen eines spitzer, kantiger, verletzender ist als das andere. Schmerzpunkte, die manchen sogar wie unerträgliche Felsen vorkommen. Die Perlmuschel gibt uns ein wunderbares Beispiel, wie aus einem schmerzenden, zerstörerischen Fremdkörper eine kostbare Perle entstehen kann. Mit den ihr geschenkten Ressourcen – ihrem eigenen Perlmutt – legt sie Schicht für Schicht um das Sandkorn und lässt Neues werden – eine einzigartige Perle.

So können wir auch mit unseren Erfahrungen umgehen: aus den schmerzenden „Sandkörnern“ und „Steinen“ in unserem Leben können wunderschöne Perlen werden. Kann das enstandene Perlmutt uns letztlich von innen heraus heil werden lassen?

Kann der Schmerz transformiert werden, Verletzung heil werden und ein Juwel, eine Perle entstehen? Sind dann die Wunden vergessen, der Schmerz wirklich verheilt?

„Verwundete Austern
lassen aus blutigen Wunden
eine Perle entstehen.
Den Schmerz, der sie zerreißt,
verwandeln sie in ein Juwel.“

(Richard Shanon)

Kann der Sinn der Existenz auch bedeuten, dass es nur durch Schmerz zur Einsicht, Transformation und Weisheit kommen kann?

Zur näheren Erläuterung dieses Leitmotivs soll so etwas wie eine Kindergeschichte beitragen, in der eine erfahrene weise Auster einen kleinen Auster-Nachkömmling ins Leben einführt und ihn den Sinn seiner Existenz verstehen lassen möchte. Das klingt dann etwa so:

Unter den Austern, so erklärt die weise Alte dem Kleinen, gibt es eine besondere Art, die zur Gattung der Perlmuscheln gehört. Die Perlmuscheln empfinden diese ihre Zugehörigkeit wie eine Art Auserwählung, denn sie haben eine Kraft, die die anderen Muscheln nicht haben: sie können Perlen bilden. „Das ist unser großer Reichtum, aber auch unser großer Schmerz“, so lautet die Erklärung der Alten, „denn ohne Leiden und Schmerzen gibt es keine Erwählung.“

Es verhält sich nämlich so: wenn sich die Muscheln öffnen, um Nahrung aufzunehmen, dann kann es geschehen, dass trotz aller Vorsicht ein Sandkorn, ein winziger Stein oder ähnliches mit in das Muschelhaus gelangt. Und weil die Muschel selbst einen sehr weichen, verletzlichen Körper hat, ist das jeweils ein großer Schmerz, wenn sich so ein Sandkorn in ihr Fleisch eingräbt. Das Sandkorn wird nie mehr wieder nach außen hin abgestoßen, doch dafür beginnt nun eine wunderbare, geheimnisvolle Kraft zu wirken, so dass aus dem Sandkorn eine Perle werden und wachsen kann. Der Organismus der Muschel muss sich nun anstrengen, – schon zum eigenen Schutz – Säfte zu entwickeln und auszustoßen, die das Sandkorn immer mehr umhüllen, so dass auch die Schmerzen für die Auster im Laufe der Zeit erträglicher werden. Schicht auf Schicht wächst, und je länger das Sandkorn in der Muschel ist, desto schöner wird die Perle. Doch davon sieht niemand etwas, das wird erst sichtbar, wenn die Muschel tot ist. Dann zeigt sich, wenn man das Gehäuse öffnet, wie viele Sandkörner darin unter Schmerzen zu Perlen werden konnten und wie reich ein solches Leben war. Die Muschel selbst erfährt sozusagen nur die negative Seite dieses Werdens und erleidet den Schmerz des eindringenden Fremdkörpers. Aber würde sie den Schmerz des in sie eindringenden Korns nicht zulassen und ausgestalten, – würde sie sich erst gar nicht öffnen, – dann verfehlte sie den Sinn ihres Daseins, und ihr Leben bliebe arm und leer. Wenn aber der Schmerz, der in die Perlmuschel eindringt und sie verletzt, bejaht und angenommen wird, – wenn er gleichsam zu ihrem Leben gehört, – dann kann sich Verwandlung anbahnen und eine kostbare Perle entstehen. „Den Schmerz umwandeln in ein Juwel“ – in einem ersten Schritt: durch Annahme der Leiderfahrung und des Schmerzes.

Das alles kann uns ein Gleichnis werden bei dem Versuch, den Sinn von Leiden und Schmerzen zu ergründen, – auch wenn uns der Sinn letztlich verschlossen bleibt. „Ich weiß nicht um den Sinn dessen, was mich als harter Schicksalsschlag trifft“, so sagte einmal Dietrich Bonhoeffer zur Sinnfrage, „aber ich weiß um den, der den Sinn kennt,“

„Warum?“ das ist also nicht nur unsere Frage, das ist auch eine Frage, die Jesus am Kreuz an „seinen Gott“ gerichtet hat. Er hat diese Frage nicht analysiert, hat sie nicht durchschaut, „gewusst wie“ – er hat sie durchlitten und hat sie ausgehalten ohne eine greifbare Antwort. Und damit stehen wir letztlich vor dem Geheimnis Gottes:

Die Unbegreiflichkeit des Leides jeglicher Art weist uns hin auf die Unbegreiflichkeit Gottes. Ihn in seiner Unbegreiflichkeit anzuerkennen, das ist gleichsam von uns gefordert, wenn wir in die Unbegreiflichkeit und Ungeheuerlichkeit des Leidens geführt werden und dabei unser vielleicht allzu naives Bild vom „lieben Gott“ zusammenbricht.

Quelle: https://abtei-st-hildegard.de

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