Blog Helena Krenn

Werde ich zum Augenblicke sagen…..

verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832)

Goethe war schon in der Jugendzeit mein Lieblings-Poet bzw. -Dichter.

Aber was bedeuten diese Zeilen aus Faust?

Wie kam es zu dieser Aussage:

Die Wette, die er mit Mephisto eingeht, hat folgendes zum Inhalt: sollte es dem Teufel gelingen einen Moment oder eine Situation herbeizuführen, mit dem der Wissenschaftler und vergeistigte Mensch Faust so zufrieden ist, dass er den „faustischen“ Drang nach Wissen und Erkenntnis zumindest vorläufig vergisst, und lieber im Augenblick verweilen möchte, dann soll seine Seele dem Teufel gehören.

Eine andere Interpretation meint folgendes:

Wir befinden uns mitten in der Szene (Studierzimmer), in der Faust dem Mephistopheles eine Wette vorschlägt. Faust wettet, dass es Mephistopheles nicht gelingen wird, ihn von seinem Streben nach immer mehr Wissen abzubringen: Wenn Faust sich aus dem Streben nach Wissen in die Bequemlichkeit verabschiede, so Fausts Angebot, dann dürfe ihn Mephistopheles ins Verderben mitnehmen, dann solle dies sein letzter Tag sein.

In der Natur des Fausts liegt das Streben nach Erkenntnis, die Suche nach Wissen und auch die damit verbundene Unrast und evtl. sogar daraus entstehende Unzufriedenheit. Er will und kann nicht ruhen oder verweilen, rastlos will er weiter auf der Suche sein, nach mehr streben, um Weisheit zu erlangen. Ein hohes Ziel – in der heutigen Zeit würde ich sagen: dadurch entsteht auch eine Flüchtigkeit des Augenblicks, eines jeden Erlebnisses. Wir können nichts festhalten, weil alles immer schneller geht? Wir haben nicht mehr die Zeit innezuhalten und den Augenblick zu genießen.

Mit der Figur des Faust hat Goethe den Entwurf des modernen Menschen geschaffen. Und dieser moderne Mensch will immer mehr: mehr Wissen, mehr Geld, mehr Macht, mehr S… Der Kick kann anscheinend nicht groß genug sein, Grenzen gibt es nicht mehr. Die Folge sind Erschöpfung, Burnout, Rückzug – die Unfähigkeit, sich Zeit für kritische Fragen zu nehmen, zu hinterfragen, bei sich zu bleiben.

In der heutigen Zeit konterkarieren sich diese beiden Zustände, haben aber auch ihre Existenz-Berechtigung. Die Balance irgendwo in der Mitte sollte sich leicht anfühlen…..

Etwas ausführlicher im Kontext, Faust: Eine Tragödie – Kapitel 7, Studierzimmer:

Faust:

Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen –
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

Mephistopheles:

Topp!

Faust:

Und Schlag auf Schlag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!

Mephistopheles:

Bedenk es wohl, wir werden’s nicht vergessen.

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